Verfasst von: ghanaverband | 08/09/2009

Februar 2005: Planungsarbeiten für das neue Hostel

Der Rückflug von Accra nach München war dramatischer als der Hinflug. Während in Accra Temparaturen von 30 Grad das Lebensgefühl bestimmten, war Amsterdam und München bei Minusgraden im Schnee versunken und sämtliche Flüge verzögerten sich teilweise um mehrere Stunden. Der Unterschied zwischen Afrika und Europa könnte nicht deutlicher ausgedrückt sein – und die zwei Erscheinungsbilder zwischen den Kulturen.

Am 14. Januar 2005 landete ich in Accra – brüdende Hitze und eine „Sauna“ empfingen mich in meiner zweiten Heimat, in der ein Teil meiner Familie ihr zu Hause hat und mich immer wieder fasziniert. Mein Sohn – Ghanaer wie ich und zentraler Bezugspunkt für mich in Accra – empfing mich gemeinsam mit Matthias Richter-Turtur, der nur wenige Stunden vor mir in Accra gelandet war. Prof. Dr. Richter-Turtur hatte zum wiederholten Mal den Weg nach Ghana angetreten, um gemeinsam mit meinen alten Landsleuten Entwicklungsprojekte im medizinischen Sektor voranzutreiben. Auf Einladung des Goethe-Instituts in Accra referierte er zu Fragen der Verkehrssicherheit und nutzte die Gelegenheit, um mich während verschiedener Termine in Accra zu begleiten.

Der wichtigste Termin für den Deutsch-Ghanaischen Freundschaftskreis und das Denchemouso Vocational Training Centre war in Accra jedoch der mit Frau Groth. Als Entwicklungsreferentin in der Deutschen Botschaft Accra wird sie unseren Antrag begutachten und es war daher um so wichtiger, hier bereits jetzt das Denchemouso Vocational Training Centre, sein Konzept und seine Entwicklung vorzustellen. Das die berühmte African Time nicht ein Phänomen der Afrikaner, sondern auch zugereister „Afrikaner“ ist, bewies Frau Groth und so warteten wir auf sie … it´s Africa. Aber es hat sich gelohnt und Frau Groth sprach uns für unser Vorhaben – den Bau des Schülerheims – ihre Unterstützung und wohlwollende Beurteilung aus.

Wie immer ist jedoch das Wichtigste für mich immer mein Besuch in Kumasi – meiner Stadt. Hier ist nicht nur das Denchemouso Vocational Training Centre, sondern hier bin ich aufgewachsen und hier ist meine Familie und Viele meiner Freunde. Wie jedes Jahr wurde ich bereits erwartet und Familie in Afrika bedeutet nicht nur einfach ein Besuch, sondern es ist eine Verpflichtung, den jeder will Einem die Hand schütteln und fragen, wie es geht und was in dem vergangenen Jahr passiert ist. So war es auch diesmal – viel gesprochen und wieder war sie da, die Sehnsucht nach meiner (zweiten) Heimat.

Aber es standen auch wichtige Entscheidungen im Denchemouso Vocational Training Centre an, die vorbereitet und mit allen Beteiligten besprochen werden mußten. Noch in Deutschland hat sich der Vorstand zusammengesetzt und die wichtigsten Punkte aufgelistet: Finanzierung, Zukunft des Centre, Zusammenarbeit der Lehrer, Weiterbildungs-maßnahmen, Bau des Schülerheims.

Am Samstag, den 22. Januar verließ ich Accra in Richtung Kumasi. Drei Wochen verbrachte ich in Denchemouso und führte viele Gespräche mit den Lehrern, den Mitgliedern des Boards, dem Chief und seinem Village-Komitee, dem Regional Youth Council, aber auch mit einzelnen Schülerinnen und Schülern.

Disziplin: Bei meinem ersten Treffen mit dem Centre-Manager und den Lehrerinnen und Lehrern stand vor allem der mangelnde Disziplin in der Schule im Mittelpunkt. Nach zweistündiger Unterredung wurde klar, dass zwischen den Lehrern eine gewisse Disharmonie herrscht, die sich bis in die Schülerschaft auswirkt und zu Fraktionierungen führt. Einige Lehrer fühlen sich für die Gruppe von Schülern, die aus ihrer Heimatgegend stammen, mehr verantwortlich als für die Übrigen. Dieses Verhalten führt zu einer Konkurrenz unter allen Angehörigen des Centre, die sich nachteilig negativ auf die Disziplin der Schüler und Schülerinnen überträgt. Ich habe den Lehrern dringend empfohlen, entweder ihr Verhalten zu ändern und in Zukunft zusammenzuarbeiten oder die Schule zu verlassen. Nur so kann eine erfolgreiche Ausbildung der Jugendlichen sichergestellt werden. Der Centre-Manager wurde von mir ermuntert, konsequent durchzugreifen und auf eine Disziplinierung der Lehrerinnen und Lehrer zu bestehen.

Unterkunft: Die augenblickliche Unterbringung der Schülerinnen und Schüler ist katastrophal, wie wir auch bereits bei den vergangenen Besuchen mit Erschrecken feststellen mußten. Die Mädchen müssen in einer Bauruine schlafen und die Jungen in den Lehrsälen. Ein Zustand, der nicht nur auf Dauer unhaltbar ist, sondern sich auch negativ auf die Ergebnisse der Ausbildung auszuwirken droht. Nach den Ferien sind mehrere Schüler deswegen nicht wieder gekommen und der Centre-Manager und die Schüler baten dringend, dass wir dabei behilflich sind, diesen Zustand abzubauen. Wir hatten bereits im vergangenen Jahr von dem geplanten Schülerheim berichtet und ich konnte nun von den deutlichen Fortschritten, die das Projekt genommen hatte, berichten. Aber ich mußte alle auch noch um Geduld bitten, da die hierfür erforderlichen Mittel noch nicht bereitgestellt sind.

Beim Treffen mit dem Chief und seinem Village-Komitee erhielt ich großen Beifall zum Bau einer Unterkunft für die Jugendlichen. Der Chief versprach, den Bau mit allen im zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen und bot auch an, ein größeres Grundstück zur Verfügung zu stellen, sollten auf dem Grund des Denchemouso Vocational Training Centre nicht ausreichend Platz vorhanden sein. Ich machte dem Chief aber auch klar, dass auch die Gemeinde und das Denchemouso Vocational Training Centre für das Schülerheim einen Eigenanteil erbringen müssen und stellte unsere Planungen vor, die von ihm und den anderen Vertretern der Gemeinde befürwortet worden.

Qualität der Erzeugnisse: Vor allem die Werkstücke aus der Schreinerei besitzen immer noch nicht die erforderliche Qualität. Darüber sprach ich mit den Lehrern und dem Board. Dieser bat um Geldmittel, damit eine größere Zahl von Kleinmöbeln hergestellt werden könnte. Alle stimmten überein, dass allein die Qualität für die Absatzmöglichkeit der Produkte entscheidend sei.

Fahrradwerkstatt: Dem Centre-Manager und dem Board berichtete ich über die Entscheidung des Vereins, dass Faisal Hasan seine Arbeit im Projekt im März beenden wird und eine neue Lehrkraft dafür eingestellt werden soll. Bis Ende März kann Faisal noch einen Teil der im Container angelieferten Fahrräder reparieren. Die Anzahl der Räder wird strikt kontrolliert und die Einnahmen aus dem Verkauf werden extra abgerechnet.

Übernahme durch den National Youth Council: In Anwesenheit eines Vertreters von NYC , des Center-Managers und des Boards sprachen wir über die Übernahme der Schule. Nach mehreren Unterredungen erklärte sich der NYC bereit, die Übernahme bis 2006 in drei Stufen vorzunehmen. Mit Beginn des Jahres 2006 geht die Verantwortung für das Centre vollständig in die Hände von NYC über. Der Vorstand des Deutsch-Ghanaischen Freundschaftskreises hat mich aber beauftragt, in den Verhandlungen mit NYC darauf hinzuwirken, dass der besondere Charakter des Centre erhalten bleibt und die Hälfte der Board-Members durch den Verein und die Gemeinde Denchemouso bereit gestellt werden. NYC hat diese Forderung akzeptiert und wird auch gemeinsam mit dem Verein ein Qualifizierungsprogramm für die Lehrerinnen und Lehrer durchführen.

Freiwillige Helfer: Raphael Hoffmann (Zimmermann und Bauingenieur) findet bei Lehrern und Schülern große Zustimmung und er fühlt sich sichtlich wohl im Projekt. Seinen Aufenthalt hat er verlängert, um angefangene Arbeiten fertig zu machen. Der Center-Manager, das Board der Schule und auch der Board-Chairman lobten seinen Einsatz und hatten ihn gebeten, noch länger mitzuarbeiten. Der Centre-Manager fände es sehr wichtig, eine Kraft wie Herrn Hoffmann zu gewinnen, die für ein halbes oder ganzes Jahr bleiben könnte und bei der EInführung eines durchgestuften Lehrplan mit neuen Produktionsmethoden helfen kann.

Frau Engeln, eine pensionierte Lehrerin, war gemeinsam mit mir nach Ghana geflogen und fand mit ihrem großen Engagement als Englisch- und Mathematiklehrerin Anklang bei den Schülern. Es war uns dabei besonders wichtig, dass die Schüler an ein diszipliniertes Lernen herangeführt und die Kenntnisse in Mathematik und Englisch deutlich verbessert werden.

Während der drei Wochen in Denchemouso war ich ständig auf dem Projekt und in den Unterrichtsräumen. Intensive Gespräche führte ich mit allen Lehrern und vielen Schülerinnen und Schülern. Mißverständnisse und Irritationen, die im vergangenen halben Jahr entstanden waren, konnten so aufgeklärt und alle von der Zukunftsfähigkeit des Projektes überzeugt werden. Die geplanten Veränderungen werden auch von den Lehrern einen großen Beitrag erfordern, der jedoch für sie und das Centre unerläßlich ist.

Anschließend besuchte ich vier ehemalige Schülerinnen, die selbständig oder mit anderen zusammen in ihrem Beruf arbeiten. Es war sehr anregend für mich, dabei die Frucht und den Erfolg unserer Arbeit bestätigt zu erhalten. Die Anregung des Vereinsvorstandes, einen Schulverein zu gründen und so mehr über die Wege und Erfolge der ehemaligen Schülerinnen und Schüler zu erfahren, wurde von allen sehr positiv aufgegriffen und wird im kommenden Jahr auch in die Tat umgesetzt.

Vorsitzender Albert-Osei-Wusu

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